Société Genevoise d’Études Allemandes

Das Jahresprogramm 2019-2020

Die Genfer Gesellschaft für deutsche Literatur und Kultur freut sich, Ihnen wieder ein reichhaltiges Jahresprogramm mit sieben Abenden präsentieren zu dürfen!

Ulrike Bergmann (Fürth): Die Courasche

24/10/2019 19:30

Die „Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ ist ein buntes, ungeschöntes Bild der Lebenswirklichkeit der „kleinen“ Leute, der Fahrenden, der Unbehausten, wie Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen sie um 1670 zu Papier gebracht hat. Noch dazu mit einer Frau als Protagonistin, die sich um einen reputierlichen Lebenswandel nie viel geschert hat, nie viel scheren konnte, die als alternde Frau all ihre Erlebnisse aus der Retrospektive Revue passieren lässt: Aufgewachsen unter Landsknechten und Offizieren als einzige Frau, später Marketenderin, allein unter Hunderten von Soldaten, x-mal verheiratet, dann Königin der Zigeuner und aller Männer und Frauen, die ausgestoßen und heruntergekommen in den Wäldern lebten.
Einzelne Episoden dieser atemberaubenden Lebensgeschichte, die Ulrike Bergmann bei diesem literarisch-musikalischen Programm widergibt, werden ergänzt durch Lieder der Zeit: durch Lieder vom Krieg, von der Liebe, der Trauer, von großen und kleinen Listen, die allesamt auf ihre Weise wie durch kleine Fenster Einblicke in den Alltag der Menschen geben und deren Leben widerspiegeln.

Ulrike Bergmann lebt und arbeitet in Mittelfranken als Musikerin und Sängerin. Sie beschäftigt sich seit 1986 mit historischer Musik in verschiedenen Kooperationen sowie als Solistin, wobei es ihr Anliegen ist, Alte Musik – auch historische Volksmusik – entsprechend den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis zu neuem Leben zu erwecken. Ein halbes Dutzend CD’s, vor allem aber ihr breit gefächertes Angebot an Konzerten und literarisch-musikalischen Programmen, die sie im In- und Ausland bekannt gemacht hat, zeugen von diesem Bemühen.

 

Iris Wolff (Freiburg im Breisgau) liest aus eigenen Werken

14/11/2019 19:30

Foto: Falko Schubring

 

Geboren im siebenbürgischen Hermannstadt (rumänisch: Sibiu) und aufgewachsen im banatischen Kronstadt (Braşov) blieb sich die achtjähig nach Deutschland exilierte Iris Wolff der doppelten Prägung aus alter und neuer Heimat stets bewusst. Beständig lebendig werden in ihrem Erzählen die überkommene Kultur der Deutschen in Rumänien, die reichen altösterreichischen Traditionen und Sprachfärbungen aus der Donaumonarchie, die Wirrungen und Verwerfungen der jüngeren Geschichte und die Schwierigkeiten, in dem zunächst fremd empfundenen Land heimisch zu werden, aus dem die Vorfahren einst nach Osten gezogen waren und das nun den dort Verdrängten eine kühle Zuflucht bot. Alle  ihre Bücher sind im Otto-Müller-Verlag, Salzburg, erschienen. Sie entfalten Facetten dieser Thematik, faszinieren durch präzise Beobachtung, eindringlich-unkomplizierte Darbietung in selten gewordener Sprachkultur, psychologische Finesse und bei aller Präzision betörende Sinnlichkeit. Der frühe Roman Halber Stein (2012) verarbeitet die Wehmut eines Jungmädchenbesuchs in der als untergehend begriffenen Welt der Kindheit. Leuchtende Schatten (2015) stellt sich den Verfehlungen und der daraus resultierenden Geschichtstragik in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. So tun, als ob es regnet (2017) entwirft in nur scheinbar unabhängigen, in Motivik und Personenwiederkehr eng verbundenen Generationsschritten höchst subtil Lebensbilder aus der rumäniendeutschen Geschichte.

Iris Wolff hat in Marburg Germanistik, Religionswissenschaft und Kunst studiert, langjährig am Deutschen Literaturarchiv Marbach gewirkt und war Kulturbeauftragte in Freiburg (Brg.), ehe sie den Schritt zur freien Schriftstellerin wagte. Die lange Serie der ihr bereits zugesprochenen Auszeichnungen wird heuer durch ein Landesstipendium und den renommierten Marie-Luise-Fleißer-Preis vermehrt. Gern und mit reflektierter Bravour stellt sich Iris Wolff den Fragen des Publikums.

In Zusammenarbeit mit der Evangelisch-lutherischen Kirche Genf und der Österreich-Gesellschaft Genf (ÖGG).

 

Marion Poschmann (Berlin) liest aus eigenen Werken

25/11/2019 19:30

Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag.

 

 

Marion Poschmann gewinnt seit 2002 die Kritik und das Publikum als Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Gedichte und Romane zeugen von einer gleichzeitig sinnlich-konkreten Vorstellungskraft wie subtiler Reflexionen. Seit dem Roman Die Kieferninseln (2017, Spiegel-Bestseller), der seinen Protagonisten nach Japan führt, und ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften (2016) verleihen auch fernöstliche Landschaften ihrer Naturbeschreibung ebendiese genaue Anschaulichkeit, die ihr Werk prägt. Damit erweitert sich jener Horizont auf den fernen Osten, der zuvor schon mit dem Ural in Schwarz-Weiss-Roman (2007) und westdeutschen Schlafstädten und ostdeutschen verwunschenen Schlössern in Die Sonnenposition (2012) über originelle Landschaftsbilder verfügte, die sensible Themen wie die Selbstfindung auf der Reise in die Gegend der Tschernobyl-Katastrophe und die der deutschen Nachwendezeit illustrieren konnten.

Überhaupt ist das Verhältnis von Natur und Geist Marion Poschmanns ureigenes Thema; ob und wie dabei Geistererscheinungen ihre literarische Existenzberechtigung behalten, wird sich der Leserin wohl weniger erschliessen, als vielmehr erahnen lassen. Das (auch von Ironie gespeiste) Vergnügen an diesen Lektüren entsteht sicher aber immer durch den Reiz einer Literatur, in der das Unsichtbare im Sichtbaren präsent bleibt.

Für ihr Werk ist die 1969 in Essen (Ruhr) geborene, studierte Germanistin und Slawistin Marion Poschmann vielfach ausgezeichnet worden, insbesondere durch den Peter-Huchel-Preis (2011 für Geistersehen), den Wilhelm-Raabe-Preis (2013) und zuletzt den Berliner-Literatur- wie den Klopstock-Preis. Sie ist auch die erste Preisträgerin des deutschen Preises für Naturdichtung (2016) und ordentliches Mitglied der Mainzer Akademie für Wissenschaften und Künste.

 

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Schule Genf.